heidi mühlschlegel
 
 

Dr. Uwe Degreif, Biberach

Eröffnung Ausstellung Heidi Mühlschlegel "Graben und Streben" am 26.05.23 im Kunstverein Biberach 27. Mai bis 25. Juni 2023

Sehr geehrte Eröffnungsgäste,

wenn ich Ihnen im Folgenden meine Sicht auf die Werke von Heidi Mühlschlegel vortrage, so muss ich vorausschicken, dass ich bei meinem Versuch, diese Bilder und Textilobjekte zu erklären und zu deuten, nicht bis ans Ziel gekommen bin. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, es gibt in ihnen nicht das eine Rätsel, das es zu lösen gilt, und nicht die eine zentrale Frage, die beantwortet werden sollte. Ich vermute, jedes Bild birgt eine Vielzahl an Geschichten, manche sind voll davon wie bei einem Wimmelbild. Unsere Aufmerksamkeit schweift von hier nach dort, pickt hin und wieder etwas auf, aber wir bleiben Zuschauer eines unbekannten Geschehens. Eine gewisse Ratlosigkeit stellt sich ein.

Dies führt mich zu einer ersten Feststellung: ich sehe in diesen Bildern kein Zentrum, von dem aus sich einem das Geschehen erschließt. Unterschiedliches ereignet sich gleichzeitig.

Was erkennt man? Vor allem Tiere, Menschen und Mischwesen. Hin und wieder Bäume, aber insgesamt wenig Vegetation. Bei den Tieren sieht man Fische, Vögel, Hühner, Frösche, Lurche. Viele reißen den Mund auf, zeigen ihre Zähne. Manche haben viele Zähne, ihr Mund wird zu einer Art Schlund, aber viele Münder lachen auch. Aggression und Freude mischen sich, zeigen sich oft gleichzeitig. Ein ähnlicher Eindruck bei den Menschen – man sieht Jüngere und Ältere, zarte Gestalten und Monster. Menschen reißen die Augen auf und lachen, Köpfe steigen noch oben wie bunte Luftballons. Micky Mouse ist dabei, sie hält eine Ansprache, spielt Klavier, dirigiert. Mal ist sie klein, mal groß. Die Proportionen von Menschen und Tieren sind in jedem Bild frei gewählt, oft sind die Menschen klein und die Tiere groß, werden zu David und Goliath. Und immer wieder stößt man auf Wesen halb Mensch und halb Tier.

Meine zweite Feststellung lautet: in den Bildern von Heidi Mühlschlegel werden Kinderwelt und Erwachsenenwelt gemischt. Wie in einem Märchen kann etwas Dunkles in einem bunten Gewand erscheinen.

Heidi Mühlschlegel arbeitet lange an einem Gemälde, das teilt sich einem mit. Viele Passagen werden übermalt, auch mehrfach. Sie trägt die Farben trocken auf, tupft viel, fügt neue Schichten hinzu. Manche Farben lässt sie ineinanderfließen. Auf die Farbe Schwarz verzichtet sie weitgehend, sie bevorzugt grün-blau-Kombinationen wie auch grün-rot-Verbindungen. Die Farben werden frei gewählt, sie dienen nicht dazu die Stofflichkeit von Dingen zu beschreiben. Fische sind Grün, Hühner gelb, Lurche blau. Aber stets stellt sich ein Eindruck von Weichheit ein. Ihre Farbigkeit ist wirklich eigen, man könnte von einer Eleganz dieser durchweg fein abgestimmten Klänge sprechen. Unsere Aufmerksamkeit schwankt zwischen dem Interesse an der Malerei und der Ahnung der dargestellten Situation.

Wenn ich es richtig sehe, dann ist es eine Intension der Künstlerin, ein Bild nicht allzu sehr zu ordnen. Sie schafft absichtlich keinen illusionistischen, keinen dreidimensionalen Bildraum. Vielmehr ist er oft dschungelartig. Es bleibt unklar, was räumlich vorne und was räumlich hinten liegt. Groß und Klein sagen nichts über die Position im Raum aus, eher etwas über Bedeutung und Funktion in einem unbekannten Geschehen. Auch das Licht hilft nicht weiter, Hell und Dunkel finden sich nebeneinander. Auf welche Wirklichkeit treffen wir? Handelt es sich um Träume, um Albträume, um Tagesfantasien? Wird hier Erzähltes, Gelesenes, Geschautes wiedergegeben? Aus welcher Quelle speist sich diese Bildrealität?

Vielfach wird die menschliche Anatomie verändert: wir sehen Hände mit weniger als fünf und auch mit mehr als fünf Fingern. Köpfe mit nur einem Auge und auch mit mehreren Augen. Die Augen befinden sich nicht nur im Bereich des Kopfes, sie finden sich auch am Körper. Die Körper haben Sensoren, sie können sehen. Und es finden sich freischwebende Augen wie bei dem populären türkischen Amulett zur Abwehr des bösen Blicks. Man entdeckt sogenannte Kopffüßler, bei denen die Beine unmittelbar mit dem Kopf verbunden sind. Etwas Groteskes macht immer wieder auf sich aufmerksam. Was bricht da in den Familienfrieden ein? Vertraute Personen verwandeln sich in Schreckensgestalten. Herrschte etwa Falschheit vor? Ein Eindruck von Einsamkeit und von Sehnsucht, manchmal auch von Angst stellt sich ein. Man darf vermuten, es handelt sich um innere Bilder.

In vielen Kompositionen formt sich ein großer Strom. Er scheint alles in sich einzubinden - wie ein starker Magnet oder wie ein Gebläse, das durchs Bild wirbelt. Oder wie ein Strudel aus einer Art Urschleim, in dem Menschen und Tiere geboren werden und auftauchen. Man entdeckt Gesichter und Totenköpfe. Sie scheinen auf dem Bildgrund zu liegen, wie Kieselsteine auf dem Grund eines Flusses. Sind es Erinnerungen, die auf den Boden abgesunken sind und bei klarem Wasser erkennbar werden? Stammen sie von Vorfahren? Bilden sie eine Art "Familiengruft", wie es ein Bildtitel nahelegt? Eines ist sicher: In den Bildern von Heidi Mühlschlegel werden keine Gutenachtgeschichten erzählt. Der Sündenfall ist passiert, die Menschen wurden ihrer Geborgenheit beraubt. Auch wenn die bunten Farben es nahelegen, hier geht es nicht besonders kuschelig zu.

Eine nächste Feststellung: Die Bildtitel lauten "Anruf bei Herrn Krattenmacher", "Welthase", "Erleuchtung mit Uhr", "Schwanger mit Korallen", "Steffi weiß mehr", um ein paar zu nennen. Einige Titel weisen uns auf etwas Bestimmtes hin, lenken den Blick, andere versetzen uns in ein Suchen. Kein Titel erklärt das Dargestellte. Titel sind für die Künstlerin ein weiteres Mittel um unsere Assoziationen zu weiten. Ich vermute, Heidi Mühlschlegel schildert konkrete Situationen, vielleicht auch persönliche Erlebnisse, aber sie hat sie verwandelt. Wir kommen über Ahnungen nicht hinaus. Es ist eine große Fähigkeit der Künstlerin, das Dargestellte hinsichtlich möglicher Deutungen so konsequent offen zu halten. Offenheit ist in der zeitgenössischen Kunst ein Qualitätskriterium.

Ich fasse zusammen: Es gibt in diesen Bildern kein Zentrum, von dem aus sich einem das Geschehen erschließt. Unterschiedliches ereignet sich gleichzeitig. Kinderwelt und Erwachsenenwelt werden gemischt. Freude und Angst existieren nebeneinander. Etwas Dunkles erscheint in einem bunten Gewand.

Ich vermute, viele von uns irritieren diese Bilder. Mich eingeschlossen. Aber bedenken Sie: in der Vielfalt gegenwärtigen Kunstschaffens geschieht dies nicht allzu häufig. Sehen Sie es als eine Kraft dieser Werke. Sie stellen einen wirklich vor Fragen. Dr. Uwe Degreif, Biberach